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Heute Nacht habe ich – einmal mehr – jedoch unfreiwillig (!) einen Abschiedsbrief geschrieben, weil ich mir absolut unsicher war, ob ich den nächsten Morgen noch erlebe. Unter diesen Umständen Schlaf finden zu wollen, ist sehr schwierig. Mit meinen „vier Kindern“ (Bild gibt's hier) im Arm weinte ich mich in den vermuteten allerletzten Schlaf meines Lebens.

Die Umstände, die mich glauben lassen, dass es einen realen Anlass gibt, an einem überraschenden Tod nichts Überraschendes zu finden, möchte ich hier nicht näher erläutern, sie sind aber faktisch vorhanden. Im Jahr 2003 hat eine Ärztin mal etwas zu mir gesagt, was mich damals tief erschüttert und sich zudem in meinem Gedächtnis eingebrannt hat, wenngleich sie nicht explizit sagte, dass ich daran sterben würde, aber dass ich später deswegen einmal anderweitig Probleme bekäme, von denen ich glaube, dass sie jetzt möglicherweise eingetreten sind und das insofern der Beginn eines schleichenden Todes wird.

Schon damals, als ich noch klein, das heißt jung, war und noch bei meinen Eltern lebte, mir mit meiner jüngeren Schwester ein Zimmer teilte, fragte ich mich nachts - froh darum, dass sie da war -, wie das denn später einmal sein würde, wenn ich erwachsen bin und ich alleine wohnen würde. Ich fragte mich ferner, ob alleine die Tatsache, erwachsen und damit gereift zu sein, die Angst nehmen würde, was ich aus heutiger Sicht definitiv verneinen kann.

Heute scheint mir die Angst sogar noch größer, weil ich vom Alter her auch sehr viel näher am Tod stehe wie einst als Kind.

Wie man sich einerseits den Tod wünschen und andererseits doch Angst vor ihm hat?

Für mich macht es einen SEHR GROßEN Unterschied, wenn ich mich selbst dazu entschließe und den Zeitpunkt dafür wähle, insofern also entschlossen bin und die Angst vor dem Tod durch die Einsicht, dass er für alle Beteiligten die Beste aller Lösungen ist oder ob sich dieser heimtückische Kerl nachts an mein Bett schleicht und von meinem Leben Besitz ergreift, und mich dabei einsam sterben lässt.

Manchmal gewährt man Menschen Boni, die ihnen aufgrund ihres Charakters, den man sich mit jeder Verletzung immer und immer wieder schönredet, nur damit das erhoffte Bild dieser Person keinen Schaden nimmt, nicht zustehen.

Da ist die Ehefrau, die wiederholt von ihrem Mann körperlich gezüchtigt wird, wofür sie immer nach Rechtfertigungen sucht, die ihn nach wie vor in einem guten Licht dastehen lassen. Wie lange das im Einzelnen gut geht, hängt sicherlich auch mit der Disposition des „Opfers“ zusammen. Irgendwann kann sich aber niemand mehr den Fakten entziehen, dann, wenn die Einsicht schon so laut an die Tür pocht, dass das ganze Haus der Erkenntnis zu wackeln beginnt.

So sehr die Klarsicht auch schmerzt, birgt sie doch zeitgleich die Chance auf Veränderung. Es gibt keinen Grund dafür, als erwachsener Mensch klein gehalten zu werden. Sicherlich gehören immer zwei dazu: einer, der sich klein halten lässt und einer, der jemanden klein hält. Aber wenn jemand die Kostbarkeit einer Freundschaft nicht zu schätzen weiß, sie mit lügenden und missachtenden Füßen tritt, sollte man einfach das Weite suchen, weil jede Ferne soviel mehr Verlässlichkeit birgt als es die Nähe solch einer Beziehung jemals noch zuließe.

Zu dumm zum Leben, zu feige zum Sterben. Anders kann ich meine derzeitige Situation einfach nicht mehr bezeichnen. Nichts, aber auch gar nichts wünsche ich mir mehr, als endlich eine Entscheidung treffen zu können: entweder die zum Leben hin oder eben die zum Tod. Ich weiß noch nicht einmal, was mich hier hält. Vermutlich die Sorge, dass mein Partner sich nach meinem Dahinscheiden eine andere Frau an seiner Seite sucht und ich das nicht ertragen könnte. Was für ein absurder Grund.
Vielleicht schwingt auch noch so etwas wie die Sorge um meine Ma mit, der ich Kummer ersparen möchte und die Angst, dass wenn ich es wirklich täte, sie sich vielleicht Selbstvorwürfe machen würde und darauf hin wieder ihr Krebs ausbricht. Dieses Herumkrebsen zwischen Leben und Tod ertrage ich nicht mehr.

Gestern hat mir mein Bruder eine Einladung zu der Online-Community „wer-kennt-wen“ geschickt, auf die ich mich dann auch tatsächlich hin registriert habe, um seinen Freundeskreis zu erweitern. Zunächst hatte ich mir gar nichts dabei gedacht, doch mittlerweile haben mich schon einige Mails von Bekannten aus meiner Jugendzeit erreicht. Menschen, von denen ich Jahrzehnte nichts gehört habe, Menschen, nach denen ich irgendwann einmal zum Teil vergebens gegoogelt habe, weil ich wissen wollte, was aus ihnen geworden ist. Heute Morgen habe ich mir darüber hinaus mal eine halbe Stunde Zeit genommen, um bei diesen Bekannten innerhalb dieses sozialen Netzwerks nach deren Bekannten zu forsten, was noch mehr vergrabene Erinnerungen wach werden ließ. Auch wenn die Fotos auf deren Seiten aus dem mehr oder minder Heute sind, erkenne ich doch ausnahmslos die Gesichter wieder, die ich aus der Vergangenheit von ihnen wahrte, wenngleich die Zeit ein wenig an den glattwangigen Konturen gearbeitet hat.

Dass ich alleine mittels Onlineverbindung, Computer, Bildschirm, Tastatur und Maus Flüge und Bahnfahrten buchen kann, ist mir nicht neu. Dass diese modernen Kommunikationsmittel aber auch einen Trip in die sicherlich etwas verklärte Vergangenheit ermöglichen, hingegen schon. Im Moment bin ich noch ein wenig gefangen genommen von dem unverhofften Zauber der relativ sorglosen Vergangenheit.

Die Luft wird dünner und dünner. Die Verhältnisse auch. Ich bin das kleine Häschen vor der Schlange, das einerseits starr vor Angst gelähmt seinen letzten Atemzügen entgegenblickt, während es andererseits weiß, dass nun soviel nicht mehr kommen kann. Es gibt kein vor oder zurück mehr. Die Situation ist wie sie ist: ausweglos. Das Reptil scheint sich seiner Macht bewusst und sie scheint ihm zu gefallen, was daran erkennbar ist, dass es seine Herrschaft über die Nahrungsbeschaffung hinaus zu einem quälenden Spiel zwischen Leben und Tod inszeniert.

Es mag absolut krank klingen, was ich nun sage, aber gerade in den letzten Lebensjahren meiner geliebten Oma hatte ich immer Angst davor, dass sie stirbt, dass mich irgendwann mal ein Anruf ereilt, in dem mir ihr Ableben mitgeteilt wird. Immer und immer wieder war ich erleichtert, wenn der blinkende Anrufbeantworter diese Sorge nicht preisgab und meine Familie mit anderen Anliegen als diesem schrecklich Befürchteten an mich herantrat. Die Angst wich aber nie von meiner Seite. Nachdem ihr Sterben durch die Krankheit irgendwann vorhersehbar wurde, empfand ich - neben der verstandesgemäßen Einsicht, dass ihr Tod unter diesen Umständen für sie das Beste ist - peinlicher Weise sogar so etwas wie Erlösung, als sie tatsächlich von uns ging: Erlösung von der Last des Angsthabenmüssens. Ist das nicht abartig?

Zurück katapultiert ins Jetzt und Heute erscheint mir die Situation ähnlich. Wenn die Schlange nur endlich zubeißen würde, hätte die Angstphase endlich ein Ende.

Schlechte Nachrichten! Heute habe ich etwas erfahren, was ich eigentlich gar nicht wissen darf, etwas, das das Potenzial hat, mein ganzes Leben umzuwerfen, etwas, das mich neu zum Sortieren zwingt, mich zunächst aber erstmal weit zurückwirft und noch viel abhängiger macht, als ich es ohnehin schon bin. Ich bin unfrei, denke daran zu zerbrechen. Das Leben verlangt in jüngster Zeit viel ab, auch Grenzüberschreitendes (nichts Illegales), von dem ich hier aber nicht berichten kann. Wo war noch mal die Notbremse? Manchmal denke ich, dass der Weg zum Suizid gar nicht so unerklärlich ist, wenn sich niederschmetternde Ereignisse wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen. Irgendwann wird sie im doppelten Wortsinn fertig sein.

Manchmal glaube ich, dass mich meine Gedanken auffressen, die sich leider nur allzu oft wie eine große, schwere Regenwolke am blauen Himmel bleiern über mich legen und mein Daseins dauerhaft verschatten, weil mich diese Wolke auf Schritt und Tritt begleitet. Gelegentlich gelingt es mir, sie für einen Moment zu überlisten, dann renne ich raus ins geliebte Licht, das mir sonnig mein Gemüt erhellt, doch diese Phasen sind bedauerlicherweise immer nur sehr kurz, da der Feind in mir selbst steckt und ich nicht vor mir, dem Selbstzerstörer, flüchten kann. Ich müsste mich lieben lernen, doch ich weiß nicht warum ich das verdient hätte, und selbst wenn ich einen Grund dafür fände, wüsste ich noch immer nicht, wie ich das real umsetzen könnte.

 

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