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Wie gerne hätte ich den King of Pop noch einmal live gesehen. Leider war mir das nicht vergönnt, weswegen ich mir heute Michael Jacksons „This is it“, ein Film, der weltweit nur zwei Wochen im Kino läuft und über die Proben zu den geplanten Comeback-Konzerten berichtet, angesehen habe.

Tja, was soll ich sagen? Nach all der Publicity im Vorfeld bin ich mit relativ hohen Erwartungen ins Kino gegangen, die zwar einerseits nicht enttäuscht wurden, weil ich Jackos Musik einfach mag und seinen Tanzstil faszinierend finde. Andererseits war ich aber doch erschrocken über diesen mageren Menschen, der trotz allem so gar keine Falten zu haben schien, wobei ich an dieser Stelle ergänzend hinzufügen muss, dass die Kamera niemals ein Closeup von ihm zeigte. Spektakulär oder außergewöhnlich fand ich den Film jetzt allerdings nicht. Die Tatsache, wie detailliert und feingliedrig die Show als kleines Wunder geplant und inszeniert wurde, hingegen schon. Ich ging jedoch auch davon aus, dass man viel mehr von und über Michael selbst erfährt. Klar wurden auch immer wieder kurze Szenen gezeigt, aus denen ersichtlich wurde, was für ein Perfektionist er ist, wobei sein Kleidungsstil diesbezüglich manchmal eher aus dem Zufallsprinzip zusammengewürfelt schien. Ja, es waren Proben. Proben, die sich über den Zeitraum von April bis Juni 2009 erstreckten. Und ja, ich tapeziere auch nicht im kleinen Schwarzen, das ich sowieso nicht habe. Aber Michael. Der (umstrittene) Musikgott. Zu kurze Hosen waren mir geläufig, aber ein nicht abgestimmtes Farbenspiel? Egal! Darum geht’s hier auch gar nicht. Vielleicht war das ja auch ein Stück unausgesprochenes Stück Privatsphäre, von der ich mich so viel mehr gewünscht habe. Mehr Michael privat. Zum Beispiel was er in den Pausen gemacht hat, was er isst, ob und was er liest, mit wem er sich wie und über was unterhält. Aber wer hatte das filmen sollen, ohne das Authentizität verloren geht?

Nein, ich bin nicht enttäuscht, vielleicht minimal betrübt, weil ich dachte, dass ich Michael – laut Liste des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes" übrigens der drittreichste tote Promi nach Modeschöpfer Yves Saint Laurent und dem Musical-Schreiber-Duo Rodgers und Hammerstein - als Mensch nach dem Film ein bisschen besser verstehen oder einordnen könnte. Fans werden den Film bestimmt lieben. Ich möchte die Erfahrung des Filmes auch nicht missen, schließlich wurde ich für knapp zwei Stunden musikalisch sehr gut unterhalten, hatte zudem zeitweise auch ein paar Tränen in den Augen, war in dem Sinne also auch gerührt und konnte, wenn ich meinen Verstand die Zügel nahm, für 111 im Film abgetauchte Minuten lang auch daran glauben, dass Michael Jackson doch noch irgendwie da ist und mir einen kleinen Teil davon schenkt.

Mittlerweile ist es 22 lange Jahre her, dass mich mein damaliger, erster Freund mit dem Auto anfuhr und daraufhin mein Sprunggelenk und mein Schienbein gebrochen waren. Dieser dadurch bedingte Aufenthalt im Krankenhaus und der ein Jahr später, als die Schrauben und Drähte wieder aus meinen Fuß herausgenommen wurden, waren meine einzigen beiden Krankenhausaufenthalte im Leben. In all den Jahren danach hatte ich ab und zu, ohne den Grund dafür benennen zu können, immer wieder mal kurzzeitige Probleme mit meinem Fuß, die mich haben humpeln lassen. Wie bereits gesagt: es waren kurzzeitige Probleme. Inzwischen hat sich – ungefähr seit der Mitte unseres USA-Urlaubes – jedoch eine dauerhaftes Malheur eingeschlichen. Der Schmerz beim Laufen kommt IMMER. Es gab keinen beschwerdefreien Tag seit diesem ersten Tag in den USA, wo ich zunächst noch davon ausging, dass es so eine harmlose Phase wie sonst auch sei. Mittlerweile sorge ich mich deswegen aber, weil ich mir nicht erklären kann, wie so was passieren kann, da nichts weiter vorgefallen ist, mir zum Beispiel niemand ans Bein getreten hat oder ich umgeknickt bin. Nichts davon ist passiert und doch schmerzt mein Fuß schon kurz nach den ersten Schritten, die ich gehe (im Ruhezustand habe ich keinerlei Schmerzen). Was mir absolut nicht einleuchten will, ist die Begründung dafür. Wieso ausgerechnet jetzt? Nach 22 Jahren? Ob’s an der Kälte liegt? Oder doch an der Abnutzung im Allgemeinen?

Damals habe ich meinen Eltern irgendeine Story erzählt, wie das passiert ist, da ich wusste, dass ich mit ihm nicht länger hätte zusammenbleiben dürfen, wenn sie die Wahrheit gekannt hätten. Da ich ihn aber abgöttisch liebte, war Anzeige und Schmerzensgeld tabu. Heute, das heißt momentan, ärgere ich mich darüber, aber auch nur deshalb, weil die Schmerzphase derzeit so endlos ist und mich das einfach nur nervt. Es ist jetzt wirklich Zeit zum Aufhören, hörst Du Schmerz?!

Meine Gedanken eilen der Wirklichkeit voraus, nehmen zeitlich etwas vorweg, das sich zwar noch nicht bewahrheitet hat, in meinem Kopf aber schon derart gelebte Realität ist, vielleicht auch damit der Schlag, wenn er denn kommt, nicht so hart wird, obwohl er immer brutal sein wird. Ich sehe mich schon einen Abschiedsbrief (keinen, in dem ich mein Lebensende ankündige!) formulieren, hadere schon jetzt mit den richtigen Worten und überlege, was ich an Gefühlen offenbare und was nicht. Ich kann den Mechanismus des daran Denkens nicht mehr ausschalten. Es ist so, wie wenn man den ersten Dominostein in einer langen Reihe angestoßen hat, der unaufhaltsam seinen Weg nimmt, und zwar so lange, bis alle zu Fall gebracht sind.

Irgendwann wird er kommen, dieser Tag, der mir schon seit Wochen Bauchschmerzen bereitet und mich im Unklaren lässt. Warten. Jeden Tag aufs Neue. Wie lange soll das noch so weitergehen? Maximal Obergrenze des Geduldens wäre so um Weihnachten herum, doch vermutlich wird die Ungewissheit schon im Vorfeld ins Siedewasser der Klarheit getaucht. Einerseits will ich es gar nicht wissen, weil ich vom Schlimmsten ausgehe beziehungsweise von einer Verschlechterung der jetzigen Situation, dessen bin ich mir sogar so sicher, dass ich in einer Wette Gliedmaßen zu setzen bereit wäre. Andererseits lässt die Fratze der Gewissheit auch keinen beängstigenden Spekulationsraum mehr. Wie heißt es so schön? Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Dabei will ich weder das Eine noch das Andere. Weder Schrecken noch Ende! Als ob ich auch nur ansatzweise dabei mitsprechen könnte!

Es wird über mich hereinbrechen wie ein unverhoffter Regenschauer, der mich schirmlos völlig durchnässt zurücklässt, während ich mich schon die ganze Zeit gedanklich darauf einzustellen versuche, wie es sich durchnässt und schutzlos in Regen stehend anfühlt. Aber wie das nun mal so ist mit den Gedanken, der Kopie von bereits Erlebten oder der Imagination nahender Erlebnisse: sie sind ein schmaler Abklatsch der Realität, die ihren ganz eigenen Rhythmus und Intensität aufweist.

In Einem bin ich mir aber auch sicher – er, dieser Tag x, wird mir ganz gewiss den Boden unter den Füßen wegziehen, ich werde straucheln, möglicherweise stürzen. Ob ich die Kraft habe wieder aufzustehen, wird sich weisen.

9. Oktober, 21.10 Uhr amerikanischer Zeit

Kool Aid und Medizin. Das sind die beiden Gründe, warum ich doch noch um diesen einen Tag unverhofften Urlaub froh bin. Beides hatte ich seit Tagen gesucht. Kool Aid, ein Getränkepulverkonzentrat mit Kultstatus in den Vereinigten Staaten, für meinen Bruder und Medizin, das heißt Medikamente gegen Husten-, Halsschmerzen und Grippe, für meine Mutter. Zu Beginn unseres Urlaubs hatte ich die Lieblingssorte Kool Aid, Grape, die ich meinem Bruder jedes Jahr mitbringe, häufig gesehen. In den letzten Tagen gar nicht mehr, weshalb wir am Ende sogar gezielt Geschäfte aufgesucht hatten, in denen es zwar Kool Aid gab, Grape aber immer ausverkauft war. Es war echt zum Verzweifeln. Heute war mir dann aber endlich das Glück hold. Für die Medikamente meiner Mum habe ich lediglich zu spät zu suchen begonnen, da es diese in jedem Walmart gibt, wo ich sie heute auch gefunden habe. Ja, in den Vereinigten Staaten wird Medizin auch ohne Rezept verkauft. Wie weit das Pensum reicht beziehungsweise ob es Grenzen gibt und wo diese liegen, kann ich allerdings nicht sagen. Ich habe mich für schlappe 4 Dollar (3 Euro) übrigens auch mit 200 Kopfschmerztabletten eingedeckt, für die ich in Deutschland 50 Euro hätte bezahlen müssen. Das aber nur mal am Rande erwähnt.

Und wie haben wir sonst den heutigen, Wetter durchwachsenen Tag genutzt? So gut wie gar nicht. Das heißt, dass wir einmal mehr einen geplanten Outlet-Store-Besuch einlegten, dort aber nichts kauften, außer einem Starbucks-Kaffee. Im Anschluss daran haben wir uns auf die Hotelsuche begeben, die sich heute über alle Maßen als schwierig erwies, obwohl wir bereits gegen 16 Uhr zu suchen begannen. Immer wieder hieß es, dass die Hotels ausgebucht seien. In einer anderen, für unsere Preisklasse noch tragbaren und vornehmen Übernachtungsstätte, hatte man nur noch einen Smoking-Room, in den wir probeweise mal hineinrochen. Das Zimmer war zwar sauber und adrett, alleine der kalte, abgestandene Rauch ließ uns dann aber doch weiterziehen.

Etliche Zeit später sind wir in der Einöde dann aber doch noch fündig geworden und haben den Mann an der Rezeption, der uns ein geräumiges Zimmer mit hübschem Ausblick zu einem passablen Preis feilbot, auch mal nach dem Grund für diese, uns gänzlich überraschende Fülle gefragt, woraufhin wir erfuhren, dass an diesem Wochenende irgendein besonderes Sportevent sei. Welches konnte ich allerdings, trotz ausgiebiger Recherche im Internet, nicht ausfindig machen. Ich fand zwar ein paar Mini-Veranstaltungen, wie beispielshalber eine Regatta, aber nichts, was es für mich nachvollziehbar begründen könnte, so wie es eine Baseball-, American Football-, Basketball- oder Eishockey-Veranstaltung täte. Letztlich kann es mir ja auch egal sein. Wir haben unser Zimmer und fliegen morgen um 18 Uhr Ortszeit nach rund 4700 Kilometern, die wir in 15 Tagen gefahren sind, nach Hause.

9. Oktober, 23.45 Uhr amerikanischer Zeit

Blick auf den Ostflügel des Philadelphia Museum of Art oberhalb der berühmten "Rocky-Treppe".„Eigentlich müsste ich mich ja freuen“, sagte ich eben zum Pan, „aber ich habe mich schon so unsere Heimreise eingestellt“, weswegen uns der unverhofft zusätzliche Tag Urlaub, - morgen soll das Wetter dem heutigen sonnigen ähneln – nun doch ins Grübeln bringt. Das meiste Bargeld ist ausgegeben, die Koffer sowie die zusätzliche Reisetasche gepackt, selbst die Orte um Philadelphia herum schon besichtigt. Wieso nicht einmal mehr Philadelphia selbst? Nun, die Parkgebühren in den Städten, demgemäß auch Philly, wie wir bereits heute schmerzlich erfuhren, sind horrend: Hinzukommt, aber das schrieb ich während dieses Urlaubs einige Male, dass wir uns dieses Jahr sehr viel auf zahlungspflichtigen Straßen bewegen. Beides ¬– Park- wie Mautgebühren – zahlt man in der Regel mit Bargeld, weshalb es vorsorgend auch immer Bargeld zurückzuhalten gilt. Geld, das uns letztlich nicht mehr zur Verfügung steht. Und wegen dieses einen Tages noch mal zu einem Bankautomaten zu gehen und uns Geld wechseln zu lassen, erscheint uns auch irrsinnig. Ein klein wenig haben wir noch, aber nicht soviel, dass wir ihn bedenkenlos erneut in der „Stadt der brüderlichen Liebe“, wie sich Philadelphia auch nennt, verbringen können, zumal wir heute sehr lange Downtown waren und all jene Sehenswürdigkeiten abliefen, die uns interessant erschienen. Aus diesem Grunde heißt es morgen sparsam zu haushalten, um aus diesen wenigen uns verbleibenden Mitteln, die wir lieber in einen Starbucks-Kaffee als für Straßengebühren investieren, einen sinnreichen und spannenden Tag zu gestalten.

Die Abendsonne genießend: Fabi am Swann Memorial Fountain in Philly.Nun aber zu Philadelphia selbst, der zweitgrößten Stadt an der Ostküste, die uns heute mit dem wärmsten aller Tage in diesem Urlaub überraschte, welcher mit Temperaturen aufwartete, die ich mir schon von Anbeginn gewünscht hätte. Ich schwitzend im T-Shirt. Was für ein Abschiedsgeschenk! Die Stadt selbst erreichten wir erst so gegen 14 Uhr. Davor haben wir uns durch die öden Szenerien der Autobahnen gekämpft, meist bei Regen. Rühmliche Ausnahme dieser dreistündigen Fahrt von West Haven nach Philadelphia war die Fahrt durch New York City, das heißt die Bronx, für die wir die Autobahn aber nicht verlassen mussten. Das war unterhaltsam, auch weil der lokale Radiosender uns zu diesem Zeitpunkt mit gefälliger Musik (R&B) unterhielt, woraufhin unsere in diesem Urlaub zur lebenden Sparbüchse avancierten Frohnatur Tim, der all unsere Quarter in seinen beiden Hosentaschen verwahrt, zu tanzen begann, während Liselle das ganze vom Rücksitz aus mitsingend untermalte. Auf diesem Streckenabschnitt war Spaß einmal mehr unser bester Freund, für den wir aber gerne näher im kleinen Leihwagen zusammenrückten. Noch während der Fahrt beschlossen wir, dass wir uns erst ein Hotelzimmer besorgen und im Anschluss die Stadt ansehen, was aufgrund der Weitflächigkeit der Stadt und des sich darin stauenden Verkehrs strategisch betrachtet nicht die beste Idee des Tages war, da wir hierbei viel Zeit verloren. Zeit, in der die Sonne fröhlich und fast wolkenfrei vom Himmel schien. Zeit, die ich gerade dieses unverhofften Sonnentages wegen lieber in der Stadt hätte nutzen wollen, als sie im fahrenden Auto zu verbringen, das vor allen Dingen gerade aber auch deshalb, weil dieser Urlaub uns die Erfahrung lehrte, dass das Wetter sehr sprunghaft ist und wir ja nur noch diesen einen Tag zu haben glaubten.

Gegen 17 Uhr hatten wir dann endlich einen Parkplatz innerhalb der Stadt gefunden, von welchem wir auch mühelos das von mir dringlichst gewünschte Ziel erreichten: das Philadelphia Museum of Art, das ich, ich muss es gestehen, nicht der Kunst wegen aufsuchte, sondern wegen eines cineastisch-banalen Grundes, da auf dieser kleinen Anhöhe, auf der der Säulentempel mit seiner breiten Freitreppe steht, eine ganz bekannte Szene aus dem Film „Rocky“, der dort mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle als Rocky Balboa gedreht wurde. Jeder, der den Film gesehen hat, kennt diese musikalisch untermalte Szene (hier zum Hören und Sehen anklicken), die ich mir leibhaftig nachfühlen wollend vor Ort ansehen wollte. Und wahrlich: vor dem Museum angekommen rannte ich in Rocky-Manier die Stufen hinauf, um mich ein klein wenig so stark und durchtrainiert wie die filmische Boxlegende zu fühlen.

Blick auf den nächtlich illuminierten Rathausturm (City Hall) in Philadelphia.Im Anschluss daran sahen wir uns noch Philadelphias historische Schatztruhe, den Independence National Historical Park – innerhalb dieser geschichtsträchtigen Quadratmeile der USA stehen zirka 40 Gebäude für Besichtungen offen – mitten im Zentrum an, wobei zu diesem Zeitpunkt aber schon sehr vieles im Schatten lag, da es hier bereits um 18.30 Uhr dunkel wird. Klar, dass wir nicht alle davon haben sehen können, aber eben doch einmal mehr die für uns bedeutsamsten, wozu unter anderem die zwischen 1871 und 1901 erbaute City Hall (Rathaus), welche nachts auch besonders fotogen illuminiert wird, sowie, das dachten wir zumindest, Amerikas bedeutendste historische Ikone, die Liberty Bell, gehören. Mit dieser für mich eher unspektakulären und prätentiös in Szene gesetzten Freiheitsglocke wurde 1776 übrigens die Freiheit eingeläutet.

Anfänglich ein wenig bekümmert ob des Umstandes, dass wir so spät in die Stadt kamen, entdeckte ich später, dass die Stadt bei Nacht ihre ganz eigenen Reize hat und war insofern dann doch auch ganz glücklich darüber, sie von dieser, ihrer geheimnisvollen Seite kennengelernt zu haben.

Morgen werden wir vermutlich noch mal das zwei Stunden Autofahrt entfernte Baltimore aufsuchen. Die Stadt, in der wir nach unserer regenreichen Ankunft in Philadelphia anfänglich gleich geflüchtet sind, welche uns aber gleichermaßen mit Wolken verhangenem Himmel empfing. Hoffen wir darauf, dass es morgen besser wird, denn die Stadt selbst war wirklich wunderschön.

9. Oktober, 22.45 Uhr amerikanischer Zeit

DAS ist uns ja wirklich noch nie passiert! Wir wollten uns gerade online für morgen einchecken und erhielten folgende Fehlermeldung:

„Im Moment sind keine Flüge zum Check-in verfügbar. Bitte beachten Sie, dass Ihnen unser Online Check-in Service ab 23 Stunden vor Abflug zur Verfügung steht“.

Abheben? Heute leider nicht!Keine Ahnung warum, aber wir sind bis gerade felsenfest davon überzeugt gewesen, dass wir morgen Abend nach Hause fliegen, fliegen nun aber – nach einem Blick auf unsere Reiseunterlagen - tatsächlich erst einen Tag später, sprich am Sonntag um 18 Uhr (Ortszeit). Das Auto haben wir natürlich auch bis zu diesem Zeitpunkt gebucht, nur irgendwas hat uns einfach anderes glauben lassen. Ich kann beim besten Willen nicht sagen was. Werden jetzt erstmal das Hotel, ein wunderbar geräumig und gepflegtes, um eine Nacht verlängern und uns gleich überlegen, was wir nun noch mit dem unverhofften Tag anfangen, zumal der heutige wider Erwarten und Vorhersagen mit vortrefflichstem Wetter aufwartete.

Das wäre vielleicht eine peinliche Lachnummer am Flughafen geworden. Vor allen Dingen hätten wir dann ja schon das Auto abgegeben. Und ein Hotel für die Nacht hätten wir auch nicht gehabt. Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir den Abflugtermin so aus den Augen verloren haben. Selbst unsere Family glaubt, dass wir am Sonntagmorgen um 8 Uhr in Frankfurt landen.

Mist, das Hotel ist für morgen bereits voll. Heißt es also einmal mehr weitersuchen.

8. Oktober, 23.36 Uhr amerikanischer Zeit

Historische Persönlichkeit: Liselle, Trägerin der Freiheit, die die Unabhängigkeitserklärung der USA in den Händen hält.Obwohl Boston heute superschön, sauber und sicher war, habe ich mit diesem Urlaub bereits abgeschlossen. Was soll jetzt noch kommen? Wir sitzen knapp 300 Kilometer von Philadelphia, unserem Ankunfts- und Abflugsort, in West Haven in dem schäbigsten Hotel dieses Urlaubs, in dem wir einmal mehr eine dieser „wir-kamen-heute-leider-nicht-weiter-Übernachtungen“ einlegen, fest. Diesen Umstand alleine betrachtet, wäre das natürlich noch kein Drama, über dass es sich ein Wort zu verlieren lohnt, vielleicht ein stilles in-sich-hinein-Bedauern, ja, aber keines, dass den morgigen letzten Urlaubstag bereits heute abhakt.

Nachdem wir aber bereits gleich nach unserer Ankunft in Philadelphia mit schlechtem Wetter empfangen wurden und uns deswegen - auf Wetterbesserung hoffend - dazu entschlossen hatten, die Stadt am Ende des Urlaubs zu besichtigen, welcher nun aber gleichermaßen verregnet endet, bin ich wirklich betrübt.

Regierungssitz und Parlamant des Bundesstattes Massachusetts: State HouseErschwerend kommt hinzu, dass ich heute in der heimischen Tageszeitung las, dass gestern mit 25,7 Grad vor Ort Temperaturgeschichte (seit Aufzeichnung der Wetterdaten) geschrieben wurde. Während wir also in der Ferne der heimischen Tristesse zu entkommen gedachten, lehrte uns die Erfahrung eines Besseren. Den für die Jahreszeit üblichen Temperaturen unserer gewählten Urlaubsregion gemäß hatte ich in meinem Koffer auch nur einen warmen Pullover dabei, ansonsten T-Shirts und kurzärmelige Hemden. Fakt ist, dass es keinen einzigen Tag gab, an dem wir nur mit T-Shirt bekleidet außer Haus gehen konnten, sondern uns stattdessen noch mit weiteren langärmeligen Pullovern eindeckten mussten. Vier regenfreie Tage sind für zwei Wochen Urlaub auch wirklich keine gute Quote! Wären wir also zuhause geblieben, hätten wir wenigstens gestern ein wenig Sommer im Herbst gehabt.

Was meine Laune zudem trübt, ist die Gewissheit, ins Ungewisse, was meinen Job betrifft, zurückzukehren. Die ganze Zeit hatte ich es auszublenden versucht, heute Abend hat es mich jedoch eingeholt, erfasst und nicht mehr losgelassen. Aufgrund struktureller Änderungen, ins Detail möchte ich da auch gar nicht gehen, hat sich in unserer Firma in jüngster Zeit sehr viel verändert (und verändert sich noch). Ob und wie es mit mir weitergeht, erfahre ich in einem Gespräch im November oder Dezember. Einschnitte wird es aber definitiv geben! Ich kann gar nicht sagen, wie viel Angst mir das Ganze macht und wie sehr es mich mitnimmt. Auch in diesem Belang frage ich mich: Was kann dann noch kommen? Wie tief kannst Du noch sinken? Diese Hinhaltetaktik, wobei ihr keine bösartige Absicht innewohnt, sondern durch die Gesamtveränderung, bedingt ist, ist absolut zermürbend.

Kleines Haus inmitten von Wolkenkratzern: das Old State House in BostonDoch nun noch kurz zu Boston, der hübschen von europäischem Flair gekennzeichten Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts, die sich uns heute bei sonnigen 18 Grad unter blauem Himmel feilbot. Wer je in der rund 600.000 Einwohner zählenden, größten Stadt Neuenglands war, wird um den Freedom-Trail, Amerikas Pfad der Freiheit, nicht herumgekommen sein. Kann man ja auch gar nicht, da er sich wie ein roter Faden durch die Stadt zieht. Genauer gesagt handelt es sich hierbei nicht um einen roten Faden, sondern eine rote Pflasterspur, die an sechzehn historischen Stätten in der Stadt, von denen einige mit der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung zu tun haben, vorbeiführt. Obwohl der Besichtigungsweg nur rund vier Kilometer lang ist, haben wir uns nicht alle ansehen können, da wir an den Stationen nicht einfach vorbeieilten, sondern sie auf uns haben wirken lassen. Die für uns wichtigsten haben wir aber gesehen. Sei es der Boston Common, der älteste öffentliche Park in den USA, das State House, Regierungssitz und Parlament des Bundesstaates Massachusetts, die evangelische Park Street Church, die das Wahrzeichen von Downtown Boston ist, der Old Granary Burial Ground, ein Friedhof, auf dem sich die Gräber von amerikanischen Patrioten, wie den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung, befinden, was ich aber höchst unspektakulär fand, das Old State House, Bostons ältestes öffentliches Gebäude, ein kleines Haus zwischen großen Wolkenkratzern, ferner die erste öffentliche Schule Amerikas sowie die Markt- und Versammlungshalle Faneuil Hall und Bostons populärstes Touristenzentrum, Quincy Market.

Klar wären wir gerne länger geblieben, um dieser wohlhabenden Stadt das gebührende Interesse entgegen zu bringen, doch nachdem wir in Chicago einen Tag länger verweilt haben, als wir es ursprünglich eingeplant hatten, fehlt uns nun dieser besagte Tag.

Auf unserem Weg nach Philadelphia werden wir morgen auch an New York City, das rund 120 Kilometer von hier entfernt liegt, vorbeifahren. Bei passendem Wetter wäre auch das ein spannender Abstecher gewesen, gleichwohl wir die Stadt schon gesehen haben. Aber New York ist natürlich immer einen Besuch wert. Stellt sich nur die Frage, ob wir da wirklich mit dem Auto hätten rein fahren wollen. Ich glaube eher weniger. Mangels Zeit und besseren Wetters müssen wir uns über diese Frage aber nicht den Kopf zerbrechen.

 

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