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Gestern hat mir mein Bruder eine Einladung zu der Online-Community „wer-kennt-wen“ geschickt, auf die ich mich dann auch tatsächlich hin registriert habe, um seinen Freundeskreis zu erweitern. Zunächst hatte ich mir gar nichts dabei gedacht, doch mittlerweile haben mich schon einige Mails von Bekannten aus meiner Jugendzeit erreicht. Menschen, von denen ich Jahrzehnte nichts gehört habe, Menschen, nach denen ich irgendwann einmal zum Teil vergebens gegoogelt habe, weil ich wissen wollte, was aus ihnen geworden ist. Heute Morgen habe ich mir darüber hinaus mal eine halbe Stunde Zeit genommen, um bei diesen Bekannten innerhalb dieses sozialen Netzwerks nach deren Bekannten zu forsten, was noch mehr vergrabene Erinnerungen wach werden ließ. Auch wenn die Fotos auf deren Seiten aus dem mehr oder minder Heute sind, erkenne ich doch ausnahmslos die Gesichter wieder, die ich aus der Vergangenheit von ihnen wahrte, wenngleich die Zeit ein wenig an den glattwangigen Konturen gearbeitet hat.

Dass ich alleine mittels Onlineverbindung, Computer, Bildschirm, Tastatur und Maus Flüge und Bahnfahrten buchen kann, ist mir nicht neu. Dass diese modernen Kommunikationsmittel aber auch einen Trip in die sicherlich etwas verklärte Vergangenheit ermöglichen, hingegen schon. Im Moment bin ich noch ein wenig gefangen genommen von dem unverhofften Zauber der relativ sorglosen Vergangenheit.

Die Luft wird dünner und dünner. Die Verhältnisse auch. Ich bin das kleine Häschen vor der Schlange, das einerseits starr vor Angst gelähmt seinen letzten Atemzügen entgegenblickt, während es andererseits weiß, dass nun soviel nicht mehr kommen kann. Es gibt kein vor oder zurück mehr. Die Situation ist wie sie ist: ausweglos. Das Reptil scheint sich seiner Macht bewusst und sie scheint ihm zu gefallen, was daran erkennbar ist, dass es seine Herrschaft über die Nahrungsbeschaffung hinaus zu einem quälenden Spiel zwischen Leben und Tod inszeniert.

Es mag absolut krank klingen, was ich nun sage, aber gerade in den letzten Lebensjahren meiner geliebten Oma hatte ich immer Angst davor, dass sie stirbt, dass mich irgendwann mal ein Anruf ereilt, in dem mir ihr Ableben mitgeteilt wird. Immer und immer wieder war ich erleichtert, wenn der blinkende Anrufbeantworter diese Sorge nicht preisgab und meine Familie mit anderen Anliegen als diesem schrecklich Befürchteten an mich herantrat. Die Angst wich aber nie von meiner Seite. Nachdem ihr Sterben durch die Krankheit irgendwann vorhersehbar wurde, empfand ich - neben der verstandesgemäßen Einsicht, dass ihr Tod unter diesen Umständen für sie das Beste ist - peinlicher Weise sogar so etwas wie Erlösung, als sie tatsächlich von uns ging: Erlösung von der Last des Angsthabenmüssens. Ist das nicht abartig?

Zurück katapultiert ins Jetzt und Heute erscheint mir die Situation ähnlich. Wenn die Schlange nur endlich zubeißen würde, hätte die Angstphase endlich ein Ende.

Schlechte Nachrichten! Heute habe ich etwas erfahren, was ich eigentlich gar nicht wissen darf, etwas, das das Potenzial hat, mein ganzes Leben umzuwerfen, etwas, das mich neu zum Sortieren zwingt, mich zunächst aber erstmal weit zurückwirft und noch viel abhängiger macht, als ich es ohnehin schon bin. Ich bin unfrei, denke daran zu zerbrechen. Das Leben verlangt in jüngster Zeit viel ab, auch Grenzüberschreitendes (nichts Illegales), von dem ich hier aber nicht berichten kann. Wo war noch mal die Notbremse? Manchmal denke ich, dass der Weg zum Suizid gar nicht so unerklärlich ist, wenn sich niederschmetternde Ereignisse wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen. Irgendwann wird sie im doppelten Wortsinn fertig sein.

Manchmal glaube ich, dass mich meine Gedanken auffressen, die sich leider nur allzu oft wie eine große, schwere Regenwolke am blauen Himmel bleiern über mich legen und mein Daseins dauerhaft verschatten, weil mich diese Wolke auf Schritt und Tritt begleitet. Gelegentlich gelingt es mir, sie für einen Moment zu überlisten, dann renne ich raus ins geliebte Licht, das mir sonnig mein Gemüt erhellt, doch diese Phasen sind bedauerlicherweise immer nur sehr kurz, da der Feind in mir selbst steckt und ich nicht vor mir, dem Selbstzerstörer, flüchten kann. Ich müsste mich lieben lernen, doch ich weiß nicht warum ich das verdient hätte, und selbst wenn ich einen Grund dafür fände, wüsste ich noch immer nicht, wie ich das real umsetzen könnte.

Kalt, aufwühlend und traurig, so lässt sich in drei kurzen Worten die heutige Beerdigung meines Opas beschreiben. Ich hatte mit mir gehadert, ob ich ihn mir noch einmal aufgebart ansehen soll, war dann aber wohl doch zu neugierig - anders kann ich es nicht bezeichnen -, weil ich wissen wollte, wie er in seiner Wanderkluft aussieht. Davon abgesehen hatte ich ihn zuletzt im Mai gesehen. Ein letztes Mal wollte ich ihm noch real nahe sein. Wann, wenn nicht heute, hätte ich noch einmal dazu Gelegenheit gehabt? Mit einer Mischung aus unsagbarer Angst und morbider Faszination näherte ich mich dem offenen Sarg und wunderte mich zunächst über das aufgeschwämmte Gesicht und das verletzte Ohr, während ich zeitgleich bewunderte, wie elegant er auf seinem Totenbett ruhte.

Ich kann nicht sagen warum ich das mache, was mich innerlich dazu antreibt, vielleicht weil ich um jeden Preis festzuhalten versuche, aber ich wollte ihn - wie damals meine Oma - fotografieren. Eigentlich wollte ich es heimlich realisieren, weil ich mit dieser Aktion auch niemand verletzen wollte, doch mein einer Onkel wich nicht von der Seite seines Vaters. Kurz bevor der Sarg geschlossen werden sollte und nur noch mein Onkel und ich in diesem Raum waren, sagte ich es ihm, worauf er mich gewähren ließ. Ganz ehrlich: Ich kam mir wie ein Paparazzo vor, doch ich bin froh, dass ich es getan habe, zumal diese Bilder natürlich nicht zur Schau gestellt werden. Ich habe ihn zwar nicht als Letzte lebend gesehen, dafür aber als Letzte im Leben fotografiert. Es muss absurd klingen, das zu lesen. Möglicherweise vielleicht sogar so, als ob ich irgendjemand etwas damit beweisen müsste, was natürlich Unsinn ist. Niemand muss jemandem etwas beweisen. Nicht in meinem Umfeld! Ihn anzufassen habe ich mich aber nicht mehr getraut, weswegen ich mich fast ein wenig schämte. Einige der Verwandten, so auch meine Ma, haben ihm noch mal über den Arm oder durchs Haar gestreichelt. Ich konnte das nicht. Vielleicht hätte ich mir dann eingebildet, dass der Tod an mir haftet. In dieser Hinsicht bin ich sowieso nicht bei klarem Verstand.

Die zweite Nacht nach seinem Tod verbrachte ich alleine. Den ganzen Tag über konnte ich mich ablenken, doch als ich dann mit meinen vier Kindern (Kuscheltieren) wie üblich eingeschlossen im Schlafzimmer im Bett lag, war der ganze Raum vom Tod erfüllt. Ich hatte das Gefühl, daran zu ersticken und einmal mehr die Nacht nicht zu überleben.

Wurde heute beerdigt: mein geliebter OpaBevor mein Opa zu Grabe getragen wurde, wurde in einer Kapelle auf dem Friedhof ein Gottesdienst zelebriert. Draußen war es bitterkalt. Wie einige andere hoffte ich, dass zumindest in der Kapelle etwas geheizt sei, doch vergebens. Ich saß nur wenige Meter vom Sarg entfernt und fand den Gedanken, dass sich darin mein Opa befinden soll, gänzlich befremdlich, obwohl vor dem Sarg ein Bild von ihm, das ich einmal gemacht hatte, stand. Richtig gehört habe ich die Pfarrerin eigentlich nur dann, wenn sie private Details aus dem Leben meines Opas erzählt hatte und als sie der Frage nachging, was nach dem Tod meines Opas bleibe, ja, was überhaupt nach dem Tod eines geliebten Menschen bleibe. „Was bleibt nach Dir?“, ging es mir durch den Kopf und „Wer würde deiner Beerdigung beiwohnen?“.
In typischer „Das-Wasserglas-ist-halbleer-Manier“ trieb mir die eigene Antwort darauf die Tränen ins Gesicht.

Das, was meinem Opa nach seinem Tod bleibt, ist unsere Liebe. Das, was uns, den Zurückgelassenen, bleibt ist die Erinnerung an ihn mit all ihren Facetten, die beispielsweise gleichermaßen seine Liebe beinhaltet.

Ich will das nachmittägliche Ereignis hier auch nicht zu weitschweifend erläutern, doch noch zwei kleine Begebenheiten, eine erschreckende und eine peinliche, erwähnen.

Als mein einer Onkel vor dem Grab seines Vaters stand, dachte ich für einen winzigen Moment tatsächlich, er springt jetzt ins Grab seiner Eltern. Ich hatte es kürzlich erst erwähnt. Seitdem Tod meiner Oma hat er jeglichen Lebenswillen verloren und sich nur noch auf deren Grabpflege und um die Fürsorge seines Vaters gekümmert. Er wird die Wohnung meiner Großeltern, seiner Eltern, weiter behalten. Das kann nicht gut gehen. Das sagen auch die anderen Verwandten, aber für Argumente und Gespräche ist er nicht zugänglich. Er wird künftig jedes Wochenende in die leere Wohnung seiner Eltern kommen. Wie viel Schmerz erträgt ein Mensch? Er hat sich so verändert in den letzten drei Jahren, seitdem sich sein neuer Freund „Alkohol“ an die Seite gesellte.

Peinlich, um nicht unendlich peinlich zu sagen, ist die Tatsache, dass ich bei Beerdigungen oftmals lachen muss, eigentlich oftmals bei Anlässen, die absolut nicht zum Lachen sind. Meiner Schwester geht es diesbezüglich nicht viel anders. Wenn man uns so sieht, muss man wirklich glauben, dass wir keinen Hauch an Anstand in uns haben oder komplett pietätslos sind, dabei platzt es wirklich völlig unkontrolliert aus uns heraus. Zum Glück hatten wir uns heute innerhalb der Gesellschaft soweit im Griff, dass uns das nicht passierte. Als wir aber als Nachzügler auf dem Weg von der Kapelle zum Grab waren, polterten einige Lachsalven völlig unkontrolliert aus uns raus. In solchen Momenten könnte ich vor Scham dann echt im Boden versinken.

Im Moment ist meine Mutter mit meinen beiden Onkeln beim Bestatter. Mein Onkel hat mich schon mehrfach auf dem Handy zu erreichen versucht, doch ich schaffe es nicht, ans Telefon zu gehen. Ich habe einfach Angst, dass mich deren Kummer erdrückt. Es mag egoistisch sein, aber ich muss und möchte irgendwie erst einmal selbst damit klarkommen. Gespürt habe ich diesen Impuls heute Morgen, als ich mit meiner Mutter gesprochen habe, die natürlich und verständlicherweise geweint hat. Ich mag mir da aber keine Blöße geben und wenn es noch so menschlich und mitfühlend ist. Was ich fühle, soll niemand sehen.

Es fällt mir relativ leicht, es (weitestgehend) anonym in meinen Blog oder via SMS kundzutun, was vermutlich daran liegt, weil hier noch die schützende Distanz zwischen Sender und Empfänger ist. Das Gleiche jemanden von Angesicht zu Angesicht mitzuteilen, fällt mir hingegen unglaublich schwer, ist meistens auch unmöglich. Selbst der Pan liest manchmal in meinem Blog, wenn er wissen möchte, wie es mir wirklich geht.

Ich vermute, dass die Beerdigung am Montag oder am Dienstag ist. Meine Mutter meinte heute Morgen, dass sie meinen Opa - als Mann des Berges - in seiner typischen Wanderkluft (Knickerbocker, grüne Kniestrümpfe, kariertem Hemd, Wanderschuhe und Hut mit Gamsbart) zu Grabe tragen lassen wollen. Es wäre ihm sicherlich Recht, wobei ich Angst habe, dass der Bestatter des Hutes wegen vielleicht Probleme macht.

Was Alex, meinen einen Onkel, der schon seit dem Tod meiner Oma absolut jegliche Lebensfreude verloren hat, betrifft, fürchte nicht nur ich, dass er sich nun tatsächlich das Leben nimmt. In der Nacht, als meine Oma damals ging, hat er sich einen ganzen Stapel ihrer Morphiumtabletten eingeworfen und wollte vom Balkon springen. Die letzte Nacht war meine Mutter, sein Bruder und eine Cousine bei ihm. Ich weiß nicht, was die Zukunft für ihn noch bereithält. Unter der Woche wohnt und arbeitet er 130 Kilometer entfernt. Er ist 50 Jahre, ohne eigene Familie, hat Zeit seines Lebens fast jedes Wochenende bei seinen Eltern verbracht. Eigentlich müsste er eine Therapie machen, aber das will er nicht. Zwingen kann ihn auch niemand. Genauso wenig wie ihn unter der Woche schützen. Nach dem Tod meiner Oma hat er sich komplett auf meinen Opa und die Grabpflege seiner Mutter fixiert. Er fühlte sich für meinen Opa verantwortlich, er wurde gebraucht, was ihm sicherlich auch ganz gut tat. Aber jetzt ist dieser Halt weggebrochen. Meine Mutter meinte heute Vormittag ebenfalls - ich äußerte meinen Gedanken des Suizids nicht -, dass sie sich diesbezüglich große Sorgen macht. Gestern hätte Alex auch schon wieder gesagt, dass er vom Balkon springen möchte.

Auch das, so grausam es klingt, würde mich inzwischen nicht mehr wundern. Vielleicht ist der Tod manchmal wirklich eine Erlösung – und das nicht nur für die, die vom Krebs oder anderen Krankheiten, in welcher Art auch immer, zerfressen sind? Nicht umsonst werden Menschen bei Operationen in Narkose versetzt, weil der Schlaf den Schmerz ausblendet. Vielleicht glauben oder hoffen jene, die des Lebens müde sind, mit ihrem selbst herbeigeführten Tod so etwas Ähnliches zu erreichen: dauerhaften Schlaf, der den Schmerz für immer tilgt.

Die Information, dass mein Opa gestorben ist, schwappt inzwischen wie eine immer wiederkehrende Welle vollen Kummers an den Strand meines Bewusstseins. Ich spüre aber auch, wie sie nach einer gewissen Zeit wieder zurückläuft, der Schmerz abebbt, vielleicht weil ich zu verdrängen suche, um nicht wahrzuhaben, was wahr ist. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen gesunden Mechanismus, der - in der Regel - nur so viel Schmerz zulässt, dass der jeweils Fühlende nicht daran zerbricht. Ich weiß es nicht.

Gerade eben habe ich mich gefragt, wo mein Opa denn genau jetzt liegt. Klar, im Krankenhaus, aber wo? Im Kühlfach? Geht das so schnell? Vermutlich schon. Nein, ich sollte diese Gedanken nicht zulassen.

Nein, die Welt ist auch heute nicht stehen geblieben, bloß weil jemand aus meinem Familienkreis gestorben ist. Ich hatte mich schon damals bei meiner Oma gewundert. Gefühlt war mir so danach. Ich hätte es zumindest nicht für fragwürdig oder verwunderlich gehalten, aber in dieser Hinsicht ist das Leben gnadenlos. Andererseits sagt mir meine Vernunft natürlich auch, dass die Welt gar nicht mehr aus dem Stillstand herauskäme, wenn sie jedes Mal stehen bliebe, wenn jemand stirbt, dessen Verlust bei den Angehörigen eine riesige Lücke zurücklässt. Fakt ist, dass für uns, die Familie, seit dem Tod meiner Oma 2003 eine neue Zeitrechnung begonnen hat.

In den Fluten des mit den Gefühlen ringenden Meeres formiert sie, die Welle, sich schließlich neu, um mit aller Wucht auf das Ufer der Sprachlosigkeit zu peitschen.

Jetzt sind sie beide weg. Ich allein. Ohne Großeltern. Damit muss ich erstmal klarkommen. Ist er wirklich tot? Ganz tot? So endgültig, ohne Rückfahrschein ins Leben? Und wieder ist ein Stück prägendes und unersetzliches Ich aus mir herausgebrochen. Jetzt hilft mir nur noch mein Erinnerungsvermögen und Fotos, sich ihn zu mir zu holen. Ob er Schmerzen hatte? Ob er spürte, dass seine Kinder nur durch die Tür von ihm getrennt waren, während er einsam in den Händen der Ärzte starb? Ob er deswegen traurig war? Was mag ihm wohl durch den Kopf gegangen sein?

Mein Opa ist weg.

Dieser kurze Satz mag für die wenigsten von Bedeutung sein, für mich ist diese Welt jetzt aber nicht mehr so wie vorher. Es wird gewiss so gut wie niemand merken, aber für mich ist es auf diesem Planeten wieder ein Stück dunkler geworden. Ja, ich werde an seinem Tod nicht zerbrechen, das mag schon sein. Ich werde weiterleben. Irgendwie. Werde gewiss auch wieder lachen, aber das Opa-Licht, das meine eigene Dunkelheit in gewissen Ecken erleuchtete, wird für immer erloschen sein. Und ihn mittels einer anderen Glühbirne zu ersetzen, funktioniert nicht, da er seine ganz eigene und ganz besondere Fassung hatte.

Wo auch immer Du gerade sein magst, geliebter Opa, vielleicht hat Dich Oma heute Nachmittag an die Hand genommen und war da, als Du gegangen bist. Ich hoffe, dass es so war, denn das wäre ein tröstlicher Gedanke. Verzeih, dass ich gestern nicht feinfühlig genug war, den Ernst der Lage zu erkennen und alle Folgetermine habe sausen lassen, um Dich noch einmal leibhaftig zu sehen, zu sprechen und zu herzen. Ich bin so froh, dass Dir heute wenigstens noch Carmine hat mitteilen können, dass wir da waren und mir dein Weihnachtsgeschenk gefallen hat, obwohl ich so gerne selbst Danke gesagt hätte.

Du Opa: ich liebe Dich.

39 Jahre hat er mich durch mein Leben begleitet, heute Nachmittag ist mein Opa von uns gegangen. Angeschlagen war er ja schon eine ganze zeitlang. Wenn alles gut gegangen wäre, hätte er am 13. Januar die zwingend notwendige Herz-OP bekommen, die seit vorgestern – nach seiner dramatischen mitternächtlichen Einlieferung ins Krankenhaus, bei der sich der Notarzt für ihn „den Arsch aufgerissen hat“ (kaum zu glauben, dass ein Notarzt, wobei ich hier nur von diesem einen spreche, so etwas zu einem Patienten sagt, der nicht mit ins Krankenhaus möchte und seinem Ärger auch noch dadurch Ausdruck verleiht, dass er dem Patienten die mit Gummi befestigte Beatmungsmaske vom Gesicht nimmt und wieder zurückschnalzen lässt) - aber sowieso offen im Raum stand. Er war schwach. Sehr schwach. Verlor mit dem Stuhl viel Blut, so viel, dass er von der Toilette nicht mehr alleine aufstehen konnte. Der darauf hin mittags erschienene Hausarzt meinte lediglich, dass man das beobachten soll und wenn es morgen noch anhalten würde, müsse man ihn ins Krankenhaus einweisen. Nachts brach er dann völlig zusammen.

Ich getraue mich es kaum zu schreiben, weil ich fürchte, dass man mir die folgenden Zeilen nicht glaubt, vielleicht würde ich sie selbst nicht glauben, wenn ich sie anderweitig lesen würde. Da aber mein Bruder, meine Mutter und mein Onkel allesamt mit vor Ort waren und alle drei das gleiche sagen, es ja auch keinen Grund gibt, mich diesbezüglich zu belügen oder zu dramatisieren, wenngleich man vielleicht ungewollt dazu neigt, wenn man selbst emotional involviert ist, glaube ich deren Auskünften. Als sie zu dritt meinen Opa nicht mehr „aufpeppeln“ konnten, riefen sie nachts die Leitstelle (112) an. Der Mann am anderen Ende fing mit meinem Onkel erst einmal eine Grundsatzdiskussion über die Notwendigkeit eines nächtlichen Einsatzes an, was meine Mutter nach zwei Minuten dermaßen erboste, dass sie den Hörer in die Hand nahm, um endlich Hilfe zu erhalten, während mein Opa weiter nach Luft röchelte. Als auch sie nicht weiter kam, platzte meinen Bruder nach zwei weiteren Minuten Diskussion der Kragen. Er nahm den Hörer und schrie hinein, dass hier jemand gerade im Sterben liege und sie Hilfe bräuchten. Erst dann fragte der Mann am anderen Ende nach der Adresse. Rund vier Minuten später kam der Notarzt und dann der Krankenwagen. Das war in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember. Seitdem lag mein Opa auf der Intensivstation. Sein Problem mit dem Herz war die eine Geschichte. Die mit dem blutendem Darm die andere. In der ersten Nacht haben sie ihm acht Beutel Blut zugeführt, heute noch mal zwölf. Den Kampf mit dem Leben hat er trotzdem verloren.

Jemanden an Weihnachten, dem Fest der Liebe, zu verlieren, finde ich persönlich irgendwie noch schmerzlicher als an jedem anderen Tag im Jahr.

Am allerschlimmsten ist die Tatsache, dass wir, der Pan und ich, ihn gestern besuchen wollten. Im Krankenhaus 45 Minuten vor der Intensivstation warteten, dort nicht eingelassen wurden und just zu dem Zeitpunkt, als wir endlich zu ihm gekonnt hätten, gehen mussten, weil noch drei weitere Termine anstanden. Wenn ich auch nur geahnt hätte, wie schlimm es um ihn steht! Ich hatte die Stationsschwester sogar noch gefragt, wie es ihm gehe und ob er über Nacht stirbt, worauf sie sagte, dass er soweit stabil sei und er die Nacht überlebe, man andererseits natürlich nie eine Garantie geben könne bei älteren Menschen.

81 Jahre ist er geworden. Ich habe ihn zuletzt am Muttertag gesehen und mache mir bezüglich gestern große Vorwürfe. Andererseits stand ich innerlich total unter Druck. Mein einer Onkel, der das Essen für die Familie gekocht hatte, weigerte sich das Essen zu meinen Eltern (hier wollten wir zusammen feiern) vorzutragen, solange ich nicht bei ihm war und mich von ihm bescheren habe lassen. Geplant war das Essen bei meinen Eltern um 19 Uhr. Bis spätestens 18.30 Uhr musste ich bei meiner Schwester, die gestern auch noch Geburtstag hatte, sein. Die Gründe dafür näher zu erläutern, warum sie zum Beispiel abends nicht auch bei meinen Eltern ist, würde an dieser Stelle zu weit führen, die Kurzfassung lautet: sie lässt sich gerade scheiden und zieht diese Woche um. Also hetzten wir vom Krankenhaus zu meiner Schwester und von dort zu meinem Onkel, um im Anschluss zu meinen Eltern zu eilen, schließlich wollte ich nicht dafür verantwortlich sein, dass andere meinetwegen hungern müssen („Weihnachten fällt flach, wenn Du vorher nicht deine Geschenke abholst“, hieß es im Originalzitat), schließlich war das Essen ursprünglich um 17 Uhr angesetzt, durch den Krankenhausaufenthalt meines Opas aber nach hinten verschoben worden. Meine Laune war auf dem Nullpunkt.

Mein Bruder hat heute Mittag als einziger noch meinen Opa lebend gesehen. Als der Arzt ihm mitteilte, wie schlecht es um ihn stünde und er daraufhin meine beiden Onkel und meine Ma anrief, jene ins Krankenhaus hasteten, durften sie schon nicht mehr zu ihm, weil die Ärzte gerade mit seinem Leben kämpften. Danach war er tot!

Mein Bruder meinte vorhin, dass ich froh sein soll, dass ich meinen Opa die beiden letzten Tage nicht mehr gesehen hätte, weil ich ihn nicht mehr wieder erkannt hätte. So würde er weitestgehend vital in meiner Erinnerung fortleben. Ich hätte das aber gerne in Kauf genommen, um noch mal seine Hand zu halten, ihm zu zeigen, dass ich ihn lieb habe oder auch einfach nur, um ihm ein Küsschen zu geben. Jetzt werde ich dazu keine Gelegenheit mehr haben. Davon abgesehen sah meine vom Krebs gezeichnete Oma vor drei Jahren in ihren letzten Tagen auch überhaupt nicht mehr wie sie aus. Was an Erinnerung an sie bleibt, ist aber trotzdem ausnahmslos nur schön.

Was für ein grausames Weihnachten, über dem nun in alle Zukunft ein tödlicher Schatten liegt.

 

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