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Genauso wie man sein Auto in der Regel alle zwei Jahre vom TÜV kontrollieren lässt, sollte man hin und wieder auch seine freundschaftlichen Beziehungen einer Qualitätsprüfung unterziehen, um sie im schlimmsten Fall, wenn das Miteinander inzwischen soviel Rost angesetzt hat, dass sie unvorhersehbar auseinander zu brechen droht, verschrotten zu lassen. Wenn nichts mehr zu retten ist, ist nichts mehr zu retten. Punkt. Das muss man sich dann auch trotz aller Bekümmernis darüber eingestehen, um einen klaren Schlussstrich darunter setzen zu können. Nein, es geht hier nicht darum, mit jemandem abzurechnen oder von jemandem schlecht zu reden. Es geht vielmehr darum, mein Leben in Ordnung zu bringen, es fein zu justieren, um erkennen zu können, was noch da ist und was ich aus dem Gebliebenen machen kann und machen will. Mit Halbherzigem und Oberflächlichkeit mag ich in meiner Freizeit nicht leben müssen. Es reicht, wenn sich diese beiden Unannehmlichkeiten in meinem Berufsalltag an meine Seite gesellen. Privat brauche ich das nicht. Deswegen habe ich mich, auch um mich vor weiteren Verletzungen zu schützen, dazu entschieden, Menschen, von denen ich glaubte, ich pflege eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen, den Status Freund auf Bekannter herunterzustufen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang gewiss eine Erklärung meinerseits, wo die Grenzen zwischen Bekannter und Freund liegen beziehungsweise wie ich beides definiere, was an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen würde, zumal ich mich jetzt erst einmal damit auseinander setzen muss und möchte, das Geschehene in mein Leben zu integrieren, sprich mir einzugestehen, dass da gar nicht viel ist, auf das ich aufbauen kann, aber ich will mir auch keine Scheinfreunde einbilden, bloß um zu glauben, dass sich jemand für mich und mein Leben interessiert und ich nicht alleine bin.

Emotional bin ich derzeit so aufgewühlt, dass ich gar nicht weiß, wohin mit all diesen Gefühlen, die ich auch nicht sortiert bekomme. Es geht um mein Leben, meine Zukunft, meine Existenz. Immer dann, wenn die Waagschale der Entscheidung erkennbar ihr Gleichgewicht verliert und es darauf hinauslaufen könnte, dass ich einen zielgerichteten Beschluss fasse, kommt von irgendwo eine neue Unwägbarkeit hinsichtlich dessen, ob es richtig ist, mich für diese eine Seite zu entscheiden. Beide Seiten haben Vor- und Nachteile. Ein Ja beinhaltet ein Stückchen Sicherheit, dafür mache ich mich mit diesem Ja, wenn ich es denn gebe, zum Deppen. Ein Nein bewahrt meine Würde, bringt aber sehr viel Unsicherheit mit sich, und vielleicht auch eine komplettes Umwerfen meines bisherigen Lebens.

Am Montag muss ich mich allerspätestens entscheiden. Länger kann ich es nicht hinauszögern. Es wird definitiv kein eindeutiges richtig oder falsch geben. Grundsätzlich möchte ich mich aber nicht mehr länger zum Deppen machen lassen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass gerade das mich unendlich verärgert und auch unsagbar traurig macht, weil ich das Gefühl habe, dass man mich nicht ernst nimmt und ich mich dann zeitgleich als Mensch zurückgesetzt fühle.

Vor einem Jahr an Weihnachten ist mein Opa gestorben. Das war auch ein Einschnitt in meinem Leben. Kein so gravierender wie der Tod meiner Oma, aber ähnlich. Jetzt scheint das Ende diesen Jahres auch keinen guten Ausklang nehmen zu wollen, fast egal, wie ich mich entscheide.

Wenn ich könnte UND den Mut hätte, würde ich mich am liebsten auch vor den Zug werfen, obwohl ich an anderer Stelle einmal schrieb, dass ich eine solch blutige Variante des Freitodes nicht wählen würde, um denen, die einen finden, unnötiges Leid zu ersparen. Momentan scheint es mir aber gerade gut genug. Aber keine Angst! Ich mache es nicht! Ich würde es gerne, weil ich glaube, dass dann alle Bürden weg sind und ich frei von Lasten bin, das heißt überhaupt frei. An Wiedergeburt glaube ich ja nicht.

Wie gerne würde ich meine Würde UND die Sicherheit wahren beziehungsweise zumindest keine Angst spüren müssen, wenn ich mich für meine Würde entscheiden sollte. Und wenn ich schon im Konjunktiv bin: ich würde gleichermaßen gerne einfach mal die Rolle mit den „Verursachern“ dieses Dilemmas tauschen.

Eine der gängigen Bewertungskriterien bei der Frage, welche Nachrichten Nachrichtenwert haben, lautet Betroffenheit. So lange das Atomkraftwerk xy beispielsweise auf dem Mond gebaut wird, interessiert das vermutlich herzlich wenige; wenn das Atomkraftwerk dann aber plötzlich vor der eigenen Haustüre errichtet werden soll, ist der Aufschrei wegen der persönlichen Betroffenheit groß.

Was ich damit sagen will? Nichts anderes als im Absatz zuvor: ich würde gerne mal swichten, Rollentausch betreiben und jene vor die Frage stellen, die sie mir mit auf den Weg gaben. Im umgekehrten Fall wäre die Betroffenheit gegeben und damit gewiss (?) auch ein Grundmaß an Verständnis, mit dem ich unter den realen Bedingungen fern ab all meiner Wünsche aber nicht rechnen kann.

Momentan erscheint mir mein Leben eher rückläufig, fast so wie in dem Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Persönliche Wertigkeit geht mehr und mehr verloren und man wird immer kleiner, kleiner, kleiner, … bis man irgendwann ganz verschwunden ist. Ja, irgendwann werde auch ich mich auflösen.

Ich kann das alles abwägende Sinnieren momentan gar nicht mehr abstellen. Im meinem Kopf surren Tausende von Gedanken wie ein undefinierbares Meer an Eintagesfliegen, das zu nächtlichen Stunde die hellsten Laternen der Stadt bevölkernd umgarnt. Wie soll ich da Klarheit finden? Sehen können, was das Richtige, was das Gute (für mich) ist? Es herrscht Aufbruchstimmung, genährt von menschlichen Enttäuschungen und reiner Verzweiflung. Vielleicht klappt’s anderswo doch besser als hier? Hier, wo mich kaum mehr etwas hält, wo es außerhalb der relativen Nähe zur Familie nur noch zwei befreundete Menschen gibt, die möglicherweise bekümmert wären, wenn ich die Heimat verließe.

Das Telefon kann aber in jeder anderen deutschen Stadt genauso gut schweigen wie hier. Schade, dass ich mich nicht 20 Jahre zurückbeamen kann, denn dann würde ich die Weichen mit dem Wissen von heute anders stellen. Ganz anders. Zielgerichteter. Energischer. Es scheint, als hätte ich irgendwann einmal DEN, sprich meinen, Zug verpasst, dem ich seitdem zeitlebens mit alternativen Reisemöglichkeiten hinter zu kommen versuche, doch egal wie sehr ich mich darum mühe: der Zug ist jedes Mal erneut schon abgefahren, wenn ich denn einmal rechtzeitig am Bahnhof sein sollte. Das zermürbt.

Das Warten auf Tag x und die Ungewissheit hat ein Ende, zumindest bald, genauer gesagt am Dienstag um 15.30 Uhr

Ja, heute bekam Tag x einen Freund namens Termin: Dienstag, 17. November, 15.30 Uhr. Das ganze Hadern, Spekulieren, all die Unsicherheit der vergangenen Wochen wird der Realität ins Auge sehen und entscheiden (müssen), ob sie dieser standhält. Mein Magen rebelliert, spürt schon heute das diesem Termin verändernd Innewohnende, gegen das ich mich nicht wehren kann. Sie werden zu zweit sein. Wir ebenfalls: meine Angst und ich. Aber gefühlt werde ich doch allein sein. Ich werde mir ja noch nicht mal selbst beistehen können. Wahrscheinlich nehmen wir, die Angst und ich, reiß aus und lassen nur noch den Schatten meiner selbst zurück, was vermutlich noch nicht einmal auffallen wird, da ich sowieso sprachlos sein werde.

So allmählich weitet sich mein Blick über den heimischen Tellerrand hinaus, spekuliert gedanklich Optionen, wobei ich noch nicht zu sagen vermag, ob ich wirklich den Mut hätte, aus fremden Tellern zu speisen, andererseits weiß ich aber auch, dass alle jene, die wirklich der Hunger peinigt, einfach froh sind, wenn sie überhaupt etwas bekommen.

Vermutlich ist das Loch in meinem Magen aber noch nicht groß genug, wie sonst könnte ich wählerisch sein oder Ängste hegen? Die Not würde mich letztlich einfach zubeißen lassen.

Den Tierschutz mal außer Acht lassend, mag man seitens der Darbietungen, die in einem Zirkus geboten werden, gespaltener Meinung sein; Fakt ist, dass ich für den derzeit in Würzburg weilenden von einst acht noch sechs Freikarten habe, die aber nur heute Abend gelten. All jene Personen, die ich im Laufe der Woche gefragt habe, ob sie Karten haben möchten, haben entweder gleich abgesagt oder mich auf heute vertröstet, wobei mich letztlich aber doch niemand zurückrief. Aus diesem Grunde bin ich eben sogar aus lauter Verzweiflung, weil ich es einfach schade finde, wenn die Karten ungenutzt verfallen, in unserem Haus umhergelaufen, um die Nachbarn kurzfristig darauf anzusprechen – etwas, was ich noch niemals zuvor gemacht habe! Von den wenigen, die zuhause waren, hat aber leider niemand Karten gewollt, insofern schmälert sich der Applaus für die Artisten bedauerlicherweise.

Die Zeit nagt an den Tagen, an denen ich mich von einem zum anderen hangle, nicht wissend, was die Zukunft bringt, aber allzu lange kann die Entscheidung ja nicht mehr dauern.

 

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